

Bethanien vor der “Hochkultur” retten?
Im Bethanien findet aktuell eine interessante Diskussion statt. Es werden feine Unterschiede gemacht, zwischen der Kunst und der Kunst. „A rose is a rose is a rose“ dichtete Gertrude Stein. Ehemalige Vertreter des Ostpunk und Alt-68er haben die „Hochkunst“ für sich entdeckt. Subkultur ist lediglich etwas für „Kiezdödel“, so definierte Christoph Tannert, der Leiter des seit 1974 in Kreuzberg ansässigen Künstlerhauses Bethanien das Kreuzberger Umfeld. Seine Sponsoren, Philip Morris zum Beispiel, beklagt er, monierten den durch die Besetzung heruntergekommen Zustand des Künstlerhauses. Nun wahrlich, ein Hochglanzfoto für einen Werbekatalog gibt das Ambiente nicht her. Allerdings war das Bethanien schon vor der Besetzung heruntergekommen. Und neben dem Versuch die Kreuzberger Hippness aufzupolieren, um all das anzuziehen, was nach offizieller Deutung eine Stadt attraktiv macht, statt Offenheit und Multitude also Investoren, Lofts, Konsum, Prestigebauten für einen internationalen Finanzfaschismus, hebt sich um so deutlicher das Gesicht des armen Kreuzberg ab. Vor dieser Armut sind übrigens auch die KünstlerInnen nicht gefeit. Eine jüngst erschienene Studie macht deutlich, 60% der Kreuzberger und Friedrichshainer KünstlerInnen verdienen weniger als das steuerfreie Existenzminimum.
Die nächste Frage wäre allerdings auch, ob Kunst unbedingt Hochglanzprospekte von Unternehmen und Sponsoren dekorieren muß? Zieht sie daraus ihre Berechtigung? Ist sie deswegen dann „Hochkultur“? Die Leiter der Einrichtungen der Bildenden Kunst aus dem Haupthaus, Christoph Tannert und der Leiter der Druckwerkstatt des Berufsverbands Bildender Künstler, Matthias Mrowka, haben den Marktwert der Kunst entdeckt. Auch die Kunst muß sich verkaufen bzw. verkauft werden. Im kapitalistischen Verwertungsprozess und Wettbewerb befindet sich auch die Kunst und muß sich definieren. Auch hier gilt: einige glauben mehr wert zu sein. Dieser Wert muß täglich neu erspielt werden. Der Abgrenzungsprozess zwischen “in” und “out”, “drinnen” und “draußen”, “oben” und “unten” betrifft mittlerweile fast alle gesellschaftlichen Bereiche. Und so geht es um (Förder)gelder, statt um Inhalte. Statt künstlerischer Vielfalt und Kunstfreiheit oder auch um gesellschaftskritische oder soziale Aspekte, geht es um die Marke. “Das Künstlerhaus sei gewissermaßen eine eingeführte Marke”, so stand es jüngst in einem Inhaltsprotokoll des Abgeordnetenhauses zu lesen. Eine Wortwahl, die einiges über die Betrachtung von Kunst verrät. Die Produkte „Kunst & Kultur“ integrieren sich übrigens prima in die von Investoren gewünschte „Aufwertung“ des Bezirks und das neue Stadtdesign im Rahmen des Stadtumbauprojekts „Mediaspree“ und steigern den Wert der ehemaligen Industriebrachen am Kreuzberger Ufer sowie die Mieten der AnwohnerInnen. Kunst ist Standortfaktor und wirkt mehrwertssteigernd auf Gebäude und Flächen. Das Interesse an den Erwerb dieser Flächen steigt. Berlin ist führend im Verkauf öffentlichen Besitzes. Im Zuge dieser Entwicklungen hat das Kunstbiz die Herrschaft über das Kunstschaffen übernommen. Als KünstlerIn erlebt man immer häufiger, daß die Hauptstadtkultur in der Hauptsache ein schönes Image aufweisen muß. Ansonsten wird Kunst nur als Kostenfaktor beziffert und daher konsequent bespart. Gestrichen wird an künstlerischen Einrichtungen auf Bezirksebene oder an Einrichtungen im künstlerischen-sozialen Bereich. Ersatzweise offeriert der Bezirk im Werbeblatt des Investorenvereins Mediaspree e.V. nun für ortsansässige KünstlerInnen ein Aktionsfonds, der es als sogenannte „Win-Win“ Situation darstellt, wenn KünstlerInnen sich positiv um die Imagebildung des „neuen“, von den Investoren gewünschten Kreuzberg bemühen. Eine schöne „Win-Win“ Situation, statt langfristige Fördergelder für die Kunst, soll die Kunst die bauherrlichen Investorenträume sponsorn. Ob die Kunst besser fährt, wenn sie sich wie Energie, natürliche Ressourcen, Bildung, Gesundheit und öffentlicher Stadtraum privatisieren läßt, ist fraglich.Die jüngste Besetzung des Bethanien, 2005, und das erfolgreiche BürgerInnenbegehren, hat den Verkauf dieses Gebäudes an einen Investor verhindert. Das Bethanien bleibt im öffentlichen Besitz. Einrichtungen und AnwohnerInnen diskutieren derzeit über eine Struktur, die die verschiedenen Aspekte integriert. Ein Schritt, der möglicherweise öffentliches Eigentum und basisdemokratische Beteiligung und Teilhabe am Beispiel eines Hauses mit künstlerischer und soziokultureller Nutzung modellhaft neu diskutiert.
Die Nicht-Bewertbarkeit, Nicht-Verwertbarkeit und das Soziale der Kunst, fasste Joseph Beuys mit den Worten „Jeder ist ein Künstler“ zusammen. Da Kunst bekanntermaßen den Betrachter auf sich verwirft, in emotionale Bereiche hineinspielt, hat es durchaus etwas Reaktionäres, hüben sich als Hochkultur zu definieren und sich mittels Mauerbau von dem subkulturellen Drüben abzugrenzen. Eine Mauer soll das Haupthaus von „soziokulturellen“ Südflügel vertretenen Elementen trennen. Diese Bedingung knüpfte der Leiter des Künstlerhauses an seinen Verbleib. Bereits Brecht holte das Populäre auf der Bühne. Und in der Musik machen die Begriffe „E“ und „U“ allenfalls die Zuordnung zum Genre klar. Aber, um einmal bei den in obiger Diskussion verwendeten Begrifflichkeiten zu bleiben: jeder, der sich mit der Prozesshaftigkeit von Kunst einmal beschäftigt hat, weiß um die Kreativität und Avantgardismus der Subkultur.
Interessant, daß sich in künstlerischen Kreisen gegen eine solche Definiton bisher nur wenig Widerstand regte. Politisches Kalkül vielleicht- ist man den den Kunstverwaltern der Fördertöpfe schon ein wenig ausgeliefert? Oder vielleicht ist diese Debatte einfach wirklich zu albern, um darauf zu reagieren. Vielleicht sollten beide Institutionen tatsächlich den Bezirk wechseln und nach Mitte ziehen. Wer Kunst als Produkt betrachtet, für den sind die „Kiezdödel“ herum, sicherlich nicht das richtige „Zielpublikum“. Erwähnenswert ist vielleicht noch die Tatsache, daß das Künstlerhaus Bethanien GmbH über 25 Jahre auf mietfrei, auf Kosten des Bezirks, im Bethanien residierte. Neben Geldern aus Sponsoring und Internationalen Stipendiatenprogrammen, erhält es darüber hinaus noch wegen seines kulturpolitischen Auftrags Mittel des Senats.
Übrigens verdankt auch das Künstlerhaus Bethanien seinem Ursprung einer Besetzung. Vielleicht ist daher der Interessenskonflikt eher als „Generationskonflikt“ zu lesen: vom Besetzer zum Besitzer. Ein Mentalitätenwandel, der einige jener Generation auszeichnet, die dieses Jahr ihren 60sten feiern läßt.
Malah Helman