Über Leben in Berlin: Falko Hennig
Zum Kaffe gibt es Nougat-Schokolade. „Milch ist leider keine mehr da“, sagt Falko Hennig, aber das macht nichts, wir trinken den Kaffee schwarz. An der Wand entdecke ich das Buchcover seines Debütromans Alles nur geklaut als Gemälde. Falko Hennig, 1969 in Ostberlin geboren, ist Buchautor, Journalist, Vortragsreisender und Bühnenkünstler. Im Frühjahr 2008 erschien sein neues Buch 100 % Berlin. Was drin ist, was dran ist, was in ist. Mit dem Fotografen Harry Schnitger hat Falko Hennig ein sehr persönliches Buch über Berlin zusammengestellt. Von Achthundert Jahren Aufschwung bis zum Zoo der Kuscheltiere werden 100 Aspekte der Stadt beleuchtet, mal feuilletonistisch, mal journalistisch, satirisch oder literarisch.
Falko Hennig selbst ist nicht ganz 100 %iger Berliner. 1969 in Ostberlin geboren, ist er südlich von Berlin in Ludwigsfelde und Rangsdorf aufgewachsen. 1986 begann er eine Schriftsetzerlehre in der Druckerei des MsNV (Ministerium für Nationale Verteidigung) in Berlin. Ein Jahr später zog er dann auch nach Berlin. In seinem Debütroman Alles nur geklaut, der 1999 erschien und zum großen Teil – „zu ungefähr 95 oder mehr Prozent“, schätzt der Schriftsteller – autobiographisch ist, wird die Geschichte einer Kindheit und Jugend in der DDR erzählt, die alles andere als angepasst ist. In diesem Schelmenroman klaut der gewitzte Romanheld – der den Namen des Autors trägt - von Kindesbeinen an alles, was nicht niet- und nagelfest ist, vor allem aber Bücher. Kurzweilig und ganz unsentimental erzählt Falko Hennig vom Leben im real existierenden Sozialismus. Noch vor der Wende flüchtet der Romanheld – wie der Autor selbst - über Ungarn zunächst nach Österreich, dann nach Westdeutschland: „Nicht für immer natürlich, nein nein. Ich litt nicht wirklich an der DDR. Ich wollte nur mal gucken, Westdeutschland, Holland, vielleicht Dänemark.“ (aus: Alles nur geklaut). Zum Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in diesem Zusammenhang sagt Hennig: „Der Prozess des Erfindens und des Erinnerns sind eigentlich sehr ähnlich. Weil, wenn ich mich nicht erinnere, was da genau war, dann überlege ich wie es gewesen sein könnte und schreib das so auf und dann wirkt das vielleicht wie eine Erinnerung, ist aber schon irgendwie geschummelt, auch wenn es vielleicht tatsächlich so war.“
Im Jahre 1990 zog der Schriftsteller zurück nach Berlin. „Das war das Jahr der Umzüge“, sagt er. Ungefähr acht Mal sei er wohl innerhalb Berlins umgezogen. Seit Oktober 1990 wohnt er in der Lottumstraße.Damals sei das Haus hier mehr oder weniger eine Ruine gewesen und nur ein gewisser Kern von Leuten sei bis heute hier geblieben. Seit der Wende habe sich die Gegend sehr stark verändert – sehr fein sei sie geworden: „Als ich 1990 in die Lottumstraße zog, war ich dort der einzige in der Straße mit Abitur, inzwischen bin ich der einzige Nichtakademiker.“
Nach ersten journalistischen Arbeiten Anfang der 90er begann er ab 1994 Kolumnen für die Stadtzeitung scheinschlag zu schreiben. Dort lernte er Bov Bjerg und Hans Duschke kennen, die Gründer der Reformbühne Heim & Welt, bei der Hennig ab 1995 mitwirkte. Sie ist die älteste noch bestehende Lesebühne Berlins, regelmäßig findet sie im Kaffee Burger statt. Von Anfang an war die Reformbühne für Hennig ein sehr reizvolles Format, „vielleicht gerade weil es so offen und so intim war und so weit entfernt von heiligen Lesungen großer Literaten“, wie er heute sagt.
Auf diese Weise könne man direkt erleben, „wie etwas funktioniert oder nicht. Das gilt sowohl für die geschriebenen Texte, wenn man diese vorliest, als auch für lustige Einfälle, die man hat und probiert dort ans Publikum weiterzugeben.“
Falko Hennig sucht nach eigenen Formen Literatur zu leben und zu vermitteln. Dabei zeigt er sich vielseitig: Er ist Buchautor, schreibt Artikel und Kolumnen für Zeitungen und Zeitschriften, gestaltet Lesebühnen- und Themenabende, hält Lesungen und Vorträge, vor kurzem gestaltete er Workshops zum Thema „Lesebühnen und Literaturmarketing“ in Kenia und Tansania. Nach seinem Debütroman Alles nur geklaut erschien 2002 sein zweiter Roman Trabanten, in dem es um Autos und Raketen geht und der deutlich weniger autobiographisch als sein Erstling ist.
Seine schon in früher Jugend einsetzende Begeisterung für Bukowski führte Hennig im Februar 1996, knapp zwei Jahre nach Bukowskis Tod, dazu, die Berliner Charles-Bukowski-Gesellschaft zu gründen. Inzwischen sei es jedoch schwieriger geworden, solchen Ehrenämtern nachzugehen, da er seit dem Jahre 2000 Freiberufler ist. Seitdem veranstaltet er auch gemeinsam mit dem DJ und Musiker Doc Schoko regelmäßig Radio Hochsee Themenabende im Kaffee Burger. Im Jahre 1997 hat Hennig Radio Hochsee gegründet als eine Art Theaterveranstaltung mit verschiedenen Sketchen und Darbietungen. Die Kurzhörspiele, die in dem gleichnamigen Buch (Radio Hochsee, 2004 bei Piper erschienen) versammelt sind, stammen noch aus dieser Frühzeit. Seit 2000 existiert die Veranstaltung in einer neuen Form: als Talkshow zu bestimmten Themen. Dazu werden Gastexperten eingeladen, Filmausschnitte gezeigt und Musik gespielt. Große erfolgreiche Themen waren beispielsweise Halluzinationen bei den Simpsons, woraus dann auch ein Filmvortrag hervorgegangen ist, und die Themenabende zu Johnny Cash. In Bezug auf die Themenwahl versuche er einerseits immer offen zu bleiben, aber gleichzeitig auch zu überlegen, was funktionieren könnte – „man kann es aber nie wirklich voraussagen, ich weiß es bis heute nicht.“
Zum Abschluss frage ich ihn nach seiner derzeitigen Lektüre. Er lese sehr viel - auch oftmals mehrere Bücher gleichzeitig: vor kurzem Knut Hamsun und Stefan Wimmer, momentan Heile, heile von Kirsten Fuchs und Aphorismen zur Lebensweisheit von Schopenhauer. Erst gestern hat er eine Luther-Biografie zu Ende gelesen. „Denn ich wollte nicht Bücher binden, ich wollte sie auch nicht setzen, ich wollte sie lesen. Ich wollte in einem riesigen Berg aus Büchern sitzen, so wie damals auf dem Altstoffhandel und sie lesen können, eines nach dem anderen, mit aller Zeit der Welt, bis in alle Ewigkeit“ (aus: Alles nur geklaut).
Der Kaffee ist alle und von der Nougat-Schokolade ist auch fast nichts übrig geblieben. Neben dem Küchentisch liegen einige Ausgaben der Berliner Monatszeitschrift Das Magazin. Die Juni-Ausgabe schenkt er mir – darin sei ein Fußball-Text von ihm. Zum Abschied zeigt mir Hennig noch ein Foto des ältesten Schülers der Welt. Dann verlasse ich diese chaotisch-gemütliche Schriftsteller-Wohnung.
Anna Schneider
Aktuell:
Donnerstag, 7. August und 14. August,
16 - 17 Uhr,
Funkwelle 95.2 Mhz (Berlin):
Radio Hochsee Sondersendung.
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