Jeden Donnerstag: Sinnreiche Alltagsgeschichten in Wohnzimmeratmosphäre. Die Chaussee der Enthusiasten.

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Halb neun. Hinter der Warschauer Brücke auf dem Hof des RAW-Geländes tummelt sich eine bunte Menschenmenge. Studenten zwischen zwanzig und dreißig mit modischen Frisuren und Umhängetaschen, Alternative und Normalos. Es wird geraucht, getrunken und gelacht. Kurz vor 21 Uhr ertönt das musikalische Enthusiasten-Intro, das den Beginn der Veranstaltung ankündigt. Etwa 200 Besucher haben sich im so genannten Ambulatorium eingefunden. Überall stehen Kerzen und die rot-gelben Scheinwerfer tauchen die Bühne in ein angenehm atmosphärisches Licht. Der Raum ist voller Stühle, Sofas, Sessel und Bänke, gleicht einem großen Wohnzimmer. Auf der Bühne tragen fünf Berliner Autoren humorvolle, skurrile und tragikomische Alltagsgeschichten vor, vom Leben und Überleben in Berlin. Jeden Donnerstag gibt sich die Berliner Lesebühne Chaussee der Enthusiasten die Ehre. Im April 2008 wurde Kirsten Fuchs („Heile, heile“) als erste Enthusiastin mit ins Boot geholt. Außer ihr sind Dan Richter (Impro-Theater „Foxy Freestyle“, Gründer und Moderator des Kantinenlesens), Jochen Schmidt („Meine wichtigsten Körperfunktionen“), Stephan Zeisig (Intimkenner-Kenner Frankreichs, ausgewiesener Pädagogik-Experte), Andreas „Bohni“ Kampa und Robert Naumann feste Mitglieder der Lesebühne. Kirsten Fuchs, derzeit auf Reisen, wird heute durch den Schriftsteller und Musiker Jan Böttcher vertreten, der bis vor einem Jahr noch in der Band Herr Nilsson musizierte und momentan als Solokünstler unterwegs ist. Während der verschiedenen Vorleserunden, eingerahmt von unkonventionellen, spontanen An- und Absagen von zwei oder drei der Lesebühnenautoren, sitzen die vorwiegend aus Ostberlin stammenden Autoren auf der Bühne um einen runden Holztisch herum, auf dem Getränke aller Art stehen, Notizbücher, Zettel und Stifte liegen.

Los geht es heute mit Musik. Jan Böttcher singt Bed & Breakfast - ein vollkommen unkomisches Lied. „Morgen sind wir wieder draußen, morgen spielen wir ganz bestimmt wieder verrückt“. In Dan Richters Text geht es um Kinderpsychologen, die Fußball EM 2008 aus der Sicht eines Dreieinhalbjährigen, und um die aktuelle Berichterstattung in der Tagesschau, die der Autor anzweifelt: „Wer weiß, vielleicht werden uns seit Jahren immer dieselben Bilder gezeigt, nur die Brillen werden der jeweiligen Zeit angepasst“. Robert Naumann, über dessen Privatleben selbst seine Schriftsteller-Kollegen wenig wissen, schlurft ans Mikrofon. Ebenso wie die meisten seiner Kollegen trägt er Jeans und T-Shirt. Von ihm erfahren wir mehr über das sonderliche Verhalten von betrunkenen Obstfliegen: Wie ich mal mit einer betrunkenen Obstfliege Tacheles geredet habe. Die Texte sind reich an Pointen, die Stimmung ist gelöst, die Zuschauer lachen und applaudieren. Jochen Schmidt, der sich in der Berliner Literaturszene durch mehrere Buchveröffentlichungen bereits einen Namen machte, hat beim Lesen seiner Texte meist eine Hand in der Hosentasche. Sein Text trägt den Titel Der Selbstdokumentierer. „Das 11.Gebot“, so lernen wir von Schmidt, „lautet: Du sollst alles aufschreiben.“ Schmidt schreibt alles auf. Sein Gewicht, gelesene, verborgte und noch zu lesende Bücher, gekochte Gerichte und vieles mehr. „Ich muss alles dokumentieren, am Ende verliere ich sonst den Überblick über mein Leben.“ Ein Text von Stephan Zeisig, dem dreißigjährigen Französischlehrer, der sich noch im Referendariat befindet und meist lustige Schulgeschichten vorliest, handelt von der Einsicht: „Ich bin einfach zu langsam für diese Welt.“ Bohni, ein ehemaliger Informatik-Student hagerer Gestalt, der ab und an Philosophie-Vorlesungen besucht, liest den letzten Text an diesem Abend. In Die Schöpfung der Krone geht es um einen ungewöhnlichen Zahnarztbesuch, der Bohni dazu veranlasst, über das Urheberrecht seines Zahnes nachzudenken, denn die Krone ist des Zahnarztes Schöpfung.

Nach der improvisierten Absage gibt’s von Jan Böttcher noch eine musikalische Zugabe. Der Song heißt „Wellness“ und handelt von dem Unwort des Jahrzehnts. „Nach dem ganzen Stress Wellness, denn wir haben noch soviel vor…“ Stressig war dieser Abend bei der Chaussee der Enthusiasten ganz und gar nicht. Das Publikum hat sich köstlich amüsiert und der Wechsel von Wort und Musik war erfrischend. Einige der Zuschauer sind der Aufforderung nachgekommen, noch länger zu bleiben. Sie unterhalten sich mit den Künstlern auf der Bühne, tanzen, trinken und kaufen Bücher und CDs. Wie schön, dass es diese Lesebühne regelmäßig gibt. Man freut sich auf ein enthusiastisches Wiedersehen und neue Geschichten.
Anna Schneider


 

Chaussee der Enthusiasten
jeden Donnerstag
um 21 Uhr
im RAW-Tempel in Berlin-Friedrichshain
Revalerstraße 99, 10245 Berlin
Eingang Ambulatorium
Eintritt: 4 Euro

www.enthusiasten.de

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