Mut zur Lücke

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Zwischennutzer legen Hand an
(Foto: Malah Helman)

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Mittlerweile sind auch finanzkräftigere Nutzer für finanzkräftigeres Klientel eingezogen. West Coast Customs Europe “personalisiert” Luxuskarossen für Promis. Im heimischen Kalifornien gehört Arnold Schwarzenegger zu den Kunden.
(Foto: Malah Helman
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Berlin verfügt über eine unter den Metropolen einzigartige Situation. Es verfügt über relativ viele Freiflächen und Brachen. Diese Situation ist historisch bedingt und liegt in der Trennung der Stadt in Ost und West. Nach der Wende begann der Abbau der ostdeutschen Infrastruktur und so wurde auch das Reichsbahnausbesserungswerk „Franz Stenzer“ (RAW) 1993 geschlossen. Das RAW, das nahe Berlins erstem Bahnhof in der Industrialisierung in den 70er Jahren des 19. Jh. entstand, befand sich in einem schlechten Zustand, als es von der Immobilienverwaltung der Deutschen Bahn übernommen wurde. Der Leerstand währte nicht lange und die ersten Zwischennutzer aus der Clubszene zogen ein. Mittlerweile hat das Areal ein Investor übernommen.
Interview mit Frauke Hehl

 

MH: Frauke, Du hast ursprünglich Architektur studiert und bist nun in verschiedenen Initiativen unterwegs, die das Leben in der Stadt mitgestalten wollen.

 

Frauke Hehl: Die „workstation e.V.“ und die aktuelle Kampagne „/unvermittelt“ beschäftigen sich mit neuen, anderen Arbeitsformen. Dann gibt es noch den Nachbarschaftsgarten „Rosa Rose“ im Friedrichshain. Hier geht es um mehr Grün in der Stadt, aber auch um Aspekte wie Selbstversorgung.

 

MH: Du hast den „Ideenaufruf“ zum RAW mitgegründet.

Frauke Hehl: Der „Ideenaufruf“ entstand 2000 und war als Bürger/innenbeteiligung zu Entwicklung des RAW Geländes initiiert. Das RAW war ja immerhin eine im öffentlichen Eigentum befindliche Fläche (Deutsche Bahn) und wir fanden es wichtig, dass die Diskussion darüber, wie diese umgenutzt wird, auch öffentlich geführt wird.

 

Öffentliche Flächen werden mit Hilfe von Zwischennutzern aus Kunst- und Kreativbranche aufgewertet und dann an Investoren verkauft.

 

 

MH: Das RAW ist ein typisches Beispiel wie in Berlin Stadtentwicklung betrieben wird. Öffentliche Flächen werden mit Hilfe von Zwischennutzern aus Kunst- und Kreativbranche aufgewertet und dann an Investoren verkauft. Es ist auch ein Beispiel wie öffentliches Eigentum ohne viel Aufsehen an den Markt gebracht wird.

 

Frauke Hehl: 1999 hat der RAW-Tempel  e.V. mit Hilfe des Bezirksamts den ersten Zwischennutzungsvertrag mit der Immobilienverwaltung der Deutschen Bahn gemacht. Aber schon 2001 hat die Vivico, eine Tochterfirma der Deutschen Bahn, die nun für die Immobilien zuständig war, wieder gekündigt. Damit begann die Phase der ungeklärten Verhältnisse. Obwohl es einen Räumungstitel gab, wurden wir weiterhin geduldet. In Abständen gab es Verhandlungen und Versuche, die Nutzer/innen des Geländes rauszukriegen. Dann hat der RAW-Tempel e.V. einen Finanzplan vorgelegt und bekam einen 10jährigen Mietvertrag für das Stoff- & Gerätelager. Als Verein konnten wir EU-Fördermittel beantragen und das Gebäude nicht nur betreiben, sondern auch entwickeln. Somit hat auch die Vivico profitiert, denn diese Entwicklung kostete sie nichts und als GmbH wären sie selbst niemals in den Genuss solcher Fördermittel gekommen. Der Mietvertrag läuft noch bis 2012. Die Nutzung der anderen Gebäude wird immer noch geduldet.

 

MH: Welche Nutzungen gibt es auf dem gesamten Areal?

 

Frauke Hehl: Das meiste ist eine Kreativ- und Eventnutzung,  in deren Schatten aber auch sozio-kulturelle Projekte gedeihen. Dann gibt es noch Werkstätten für Schlosser, Tischler und andere Künstlergewerke, Akrobaten nutzen eine Halle, Skater- und Kletterprojekte haben sich etabliert, es gibt ein Bandproberaum, Clubs, eine japanische Kampfsortschule, Schwarzlicht-Minigolf, Filmproduktionshallen, Theatergruppen, Jugendprojekte usw..

 

MH: 2007 wurde das gesamte Areal an einen Investor verkauft.

 

Im Moment nutzt R.E.D. die Nutzenden um die laufenden Kosten zu decken und den Standort zu entwickeln.

 

Frauke Hehl: Das RAW wurde von der Vivico anscheinend für den Spottpreis von 4,5 Millionen Euro (8 Hektar Fläche in zentraler Lage) an die R.E.D Development GmbH verkauft, soweit die Aussage von R.E.D. Über diese Firma ist allerdings kaum etwas bekannt. Es ist ein Konstrukt von Firmen, die teilweise einen isländischen Firmensitz haben. In Island gibt es anders als in Deutschland kein Handelsregister, das über die Firmen informiert. * Wenig später hat die Deutsche Bahn die Vivico an die österreichische Immobilieninvestmentgesellschaft „CA Immo“ verkauft. Wir haben es nun hauptsächlich mit den beiden Projektentwicklern, Klaus Wagner und Moritz Müller zu tun, die im Namen der R.E.D. agieren. Die neuen Eigentümer haben sich zunächst kooperativ gegeben, alle Nutzer/innen sollten Mietverträge kriegen. Mittlerweile gibt es auch weitere Nutzer und die meisten Gebäude auf dem Gelände sind für drei Jahre befristet vermietet. Jedoch haben bei weitem nicht alle Alt-Nutzer eine Mietvertragsverlängerung erhalten. Dem RAW-Tempel e.V. und der Skaterhalle wurden die Gebäude zu hohen Kaufpreisen angeboten. Um eine Baugenehmigung zu erhalten, welche nötig ist, um diese auch instand zu setzen, bräuchten diese wiederum einen Mietervertrag, den sie aber bis dato nicht bekamen. Was der Investor will, ist nur aus einigen veröffentlichten Plänen und Ideenskizzen erkenntlich: abgesehen von vier unter Denkmalschutz stehende Objekte einen gänzlichen Abriss aller Gebäude mit folgender Neubebauung in vergleichbarer hoher Dichte wie die angrenzende Wohnbebauung des Boxhagener Kiezes. Letzthin hat R.E.D ein Szenario vorgestellt, das Loft-Wohnungen und Büros vorsieht und vielleicht auch Platz für „erfolgreiche“ Zwischennutzer. An der Warschauer Brücke gibt es die Idee eines Hochhauses sowie eines Werbewürfels. Im Prinzip also das, was „Mediaspree“ vorsieht, nämlich Loftwohnungen, Büros, Hochhäuser. Alternative Planungen scheinen in dieser Stadt lediglich in der Zwischennutzung möglich zu sein. Außerdem gab es in dem Konzept viele gut klingende Schlagworte wie Erdwärme, Fair Trade, Energiewirtschaft, Ökologie usw. Es ist zwar bisher nicht nachgewiesen, ob sich z.B. Erdwärme an diesem Standort überhaupt sinnvoll nutzen lässt, aber zumindest konnte man damit Sympathien gewinnen. Ob die R.E.D überhaupt über das Kapital verfügt bzw. je zahlungskräftige Investoren findet, um irgendetwas zu realisieren, bleibt unklar, wie schon bei dem vorhergehenden Eigentümer, die Vivico. Im Moment nutzt R.E.D. die Nutzenden um die laufenden Kosten zu decken und den Standort zu entwickeln. Die meisten Verträge gehen bis 2010 und die Verhandlungen von den Nutzern und R.E.D. haben nichts ergeben.

 

Das RAW sollte einen Ausgleich zu den „Mediaspree“-Plänen ergeben. Nun sieht es so aus, als würde hier das Gleiche passieren: Lofts, Büros, Hochhäuser.

 

MH: Welche Rolle spielt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg?

 

Frauke Hehl: Sie haben die Verhandlungen moderiert. Auch wenn bisher wenig Konkretes herausgekommen ist, wie übrigens auch bei dem ebenfalls verkauften Nachbarschaftsgarten „Rosa Rose“. Politisch gesehen, schafft dieses Engagement einen Ausgleich zu den Plänen des Bezirks für „Mediaspree“. Immerhin gab es von dem Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) den Tipp, dass sich alle Nutzer zu einem Verein zusammenschließen. Leider sind dann nicht alle dem „Revaler Fünfeck e.V.“ beigetreten und so gibt es immer noch eine große Vereinzelung der Nutzer/innen. Aber je mehr wir sind, desto besser können wir uns wehren. Es gab bzw. soll es weiter geben eine Arbeitsgruppe, besetzt aus Geländenutzer/innen, Eigentümer, Ideenaufruf, moderiert durch den Bezirk, die zu gemeinsamen Leitlinien der städtischen Entwicklung des Gesamtareals führen sollten. Dies war jedoch ein Farce. Als Ideenaufruf wollten wir erreichen, dass die Nachbarschaft von Beginn an mit bei diesem Entwicklungsprozess eingebunden werden. Da sich unser Gefühl bestätigt hat, mit unserer „Anwesenheit“ als Ideenaufruf als Alibi-Nachbarschaftsbeteiligung miss-interpretiert zu werden und weil wir immer wieder durch den Eigentümer in unserer Anwesenheit in Frage gestellt wurden, haben wir diese Arbeitsgruppe verlassen. Wir fordern jetzt von außerhalb dieser AG eine wirkliche Einbindung der Nachbarschaft in die städtebauliche Entwicklung ein, denn bisher konnten nicht mal die Geländenutzer/innen kaum ihre Bedürfnisse, Bedenken und Erfahrungen konstruktiv einbringen. Die Anwohner/innen sind noch gar nicht gefragt worden.

 

Es gibt nur das Bebauungsrecht, aber kaum etwas, das den Erhalt kreativer und sozialer Strukturen regelt. Dafür muss ein Bewusstsein geschaffen werden. Das soziale Kapital müsste begriffen werden, zumal die klassische Ökonomie versagt.

 

 

MH: Wäre es nicht an der Zeit andere Ansätze in der Stadtentwicklung zu schaffen und zu fragen, ob nicht auf der Seite der Bewohner/innen und Zwischennutzer mehr Potential vorhanden ist, als bei den Worthülsen der „Investoren“, wo es ausschließlich um private Profitmaximierung geht, deren Effekt auf die Volkswirtschaft mittlerweile eher fragwürdig ist.

 

Frauke Hehl: Es ist erschreckend, wie viel ehemals öffentliches Gelände in Berlin verkauft wird. Die Bewohner/innen haben hier viel zu wenig zu melden. Ist das Gelände einmal verkauft, hat der Bezirk nur noch geringe Möglichkeiten auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen. Es gibt nur das Bebauungsrecht, aber kaum etwas, das den Erhalt kreativer und sozialer Strukturen regelt. Dafür muss ein Bewusstsein geschaffen werden. Das soziale Kapital müsste begriffen werden, zumal die klassische Ökonomie versagt. Im Manifest der „Rosa Rose“ haben wir Strategien zur Rückeroberung der Stadt formuliert, u. A. fordern wir einen Fonds für Nachbarschaftsprojekte und das Initiativen von Bürger/innen Priorität haben.

 

MH: Was rätst Du den Initiativen?

 

Frauke Hehl: Zunächst sollten wir alle aktiv in die Entwicklung unserer Umwelt eingreifen und dann natürlich mobilisieren und vernetzen. Wichtig ist, zu erkennen, dass viel Initiativen vor ähnlichen Problemen stehen. Das, was auf dem RAW passiert, ist symptomatisch, kein Einzelfall.

Malah Helman

* Mittlerweile ist auch isländisches Kapital nicht mehr so flüssig. Die Finanzkriese als Chance um in der Stadtentwicklung zu alternativen Wertschöpfungsformen zu gelangen?


abgedruckt im Mieterecho Heft 330

 

www.workstation-berlin.org

www.unvermittelt.net

www.rosarose-garten.net

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