Berlin alternativ oder lieber doch nicht: Infos aus der Wagenburg

Die einst so lebendige Alternativkultur, welche das Leben dieser Stadt über die Grenzen Europas hinaus interessant gemacht hat, sieht sich seit vielen Jahren dem Druck der Verdrängung und Vermarktung gegenüber. Die Nischen der Stadt sind kleiner, teurer und weniger zahlreich geworden. Die Stadt verliert ihren unverwechselbaren Charakter. Vielleicht ist das Leben in Berlin bald ebenso spannend und unverwechselbar wie ein Kneipenbesuch in Klein-Dingelsdorf.

Bezirkspolitiker in Friedrichshain-Kreuzberg stellen die Weichen zur Räumung der Wagenburg Laster & Hänger und der Beseitigung des Hundeplatzes an der Modersohnstrasse. Ironischerweise möchten Bezirkspolitiker Geld aus dem Konjunkturpaket II, das zur Eindämmung der Folgen der Finanzkrise vorgesehen ist, zur Gentrifizierung des Friedrichshainer Kiezes nutzen. Eine nicht unbeträchtliche Summe aus dem Konjunkturprogramm II soll in den Neubau einer Sport- und Freizeitfläche an der Ecke Modersohnstrasse / Revaler Strasse fliessen. Damit würde der Hundeauslaufplatz und die Wagenburg Laster & Hänger als ein weiterer Bestandteil der Geschichte
von Berlins Alternativkultur aus dem Stadtbild verschwinden. Jedenfalls soll das im Ausschuss für Stadtplanung und Bauen am 18.2. um 18 Uhr im Bezirksamt Yorkstrasse 4-11 in öffentlicher Sitzung beschlossen werden.  Eine ausgezeichnete Gelegenheit um der Ausschussmitgliedern zu zeigen, dass man ihre Absichten bezüglich Umstrukturierung und Vertreibung von Berliner Alternativkultur nicht teilt. 400 Meter oder 4 Minuten Fussweg von der neu zu planenden Sportfläche entfernt liegen die Sportflächen “Lasker Sportplatz” an der Modersohnstrasse südlich der Modersohnbrücke (Eingang Modersohnstr.49). Es hat offensichtlich wenig Sinn eine Sportfläche in die Nähe eine anderen zu klotzen die derartig üppig ausgestattet ist, nur damit sich der statistisch avisierte Richtwert an Sportfläche pro Kopf der Bevölkerung hochrechnen lässt.

Schon einmal - zwischen Oktober 2000 und der Ansiedlung an der Modersohnstrasse Anfang September 2001 - wurde die Wagenburg durch die Stadt gehetzt und sollte durch ein massives Polizeiaufgebot aus der Stadt vertrieben werden. Damals wurden alleine in den ersten drei Wochen über 500 Polizeibeamte eingesetzt. Eine Hundertschaft übernahm sogar die ganztägige Überwachung und Kontrolle in zwölfstündigen Schichten. Das war nicht ganz billig - aber für soziale Umstrukturierung und gewaltsame Vertreibung von kulturellen Alternativen greifen die Bürgerinnen und Bürger sicher auch in Zukunft gerne tief in die Tasche.

Allerdings wurde die Strategie, der Bevölkerung ein Alternativangebot in Form einer Sport- und Freizeitfläche im Tausch gegen die Wagenburg zu machen wurde schon einmal von der Mehrheit der BVV abgelehnt. Wie soll der Neubau von Sportflächen am vorgeschlagenen Standort begründet werden, wenn für den Erhalt und den Betrieb bestehender öffentlicher Anlagen weiterhin kein Geld da ist?

Ein Program nach dem Motto “Berlin soll langweiliger werden” und “Touristen aus aller Welt reisen nach Berlin um geschlossene Kinderspielplätze, einsturzgefährdete Schulen und brachliegende Sportplatzneubauten zu sehen” entspricht sicher den Idealvorstellungen der anwohnenden Bevölkerung. So stellen sich Wählerinnen und Wähler dringend benötigte Investitionen in die öffentliche Infrastruktur vor. Eben jene vernachlässigte öffentliche Infrastruktur die seit Jahren unter der Finanzierung der Milliardenverluste aus dem Berliner Bankenskandal zu leiden hat.

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