Am Ende der Marktfreiheit – Studie zur Arbeits- und Lebenssituation der Theaterschaffenden erschienen


Der Fonds Darstellende Künste initiierte mit dem Zentrum des Internationalen Theaterinstituts der Bundesrepublik Deutschland (ITI) und weiteren Kooperationspartnern, darunter auch ver.di, 2007 die bislang umfassendste Datenerhebung zu Arbeits- und Lebensbedingungen der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland. Die Auswertung wurde vom Zentrum für Kulturforschung in Bonn übernommen.

4100 nahmen an der Studie zur “Wirtschaftlichen, sozialen und arbeitsrechtlichen Lage der Theater- und Tanzschaffenden“ deren erste Ergebnisse nun vorliegen und die Anfang Mai auf dem internationalen Symposium “Report Darstellende Künste: Die Lage der Theater- und Tanzschaffenden im Kontext internationaler Mobilität“ diskutiert wurden. Ziel ist, Material für kulturpolitische und kulturwirtschaftliche Strategien auf kommunaler, Landes- und Bundesebene zur Diskussion zu stellen, um eine Verbesserung der Künstler_innen  in einem veränderten Arbeitsmarkt zu erreichen. Beabsichtigt war, alle Tanz- und Theaterschaffenden einzubeziehen und zu Beruf, Biographie, Herkunft, Ausbildung, Einkommen, Arbeitssituation, sozialer Sicherung und kulturpolitischem Handlungsbedarf zu befragen. Jedoch beteiligten sich nur ca. 700 Beschäftigte der festen Häuser, weil das Präsidium des Deutschen Bühnenvereins, der Arbeitgeberverband der öffentlichen Theater, die Studie nicht kommunizierte und eine Unterstützung ablehnte.

Die fast 60 Prozent der Befragten waren weiblich, der Altersdurchschnitt lag zwischen 30 und 39 Jahren, knapp 85 Prozent waren in Deutschland geboren, 7 Prozent kamen aus einem anderen Land der EU, knapp ein Viertel lebt in Berlin, über die Hälfte hat einen, meistens künstlerischen Hochschulabschluss und ist ledig. 65,7 Prozent hat keine Kinder und führt durchaus berufliche Motive an. Es gibt kaum einen Tätigkeit aus dem Theaterbereich, ob künstlerisch, technisch oder pädagogisch, die nicht vertreten ist, am häufigsten ist der Schauspielerberuf. 20 Prozent üben derzeit einen anderen Beruf aus. 70, 3 Prozent kamen auf 10 Projekte pro Jahr, die häufig mit einer Grundgage und mit Erfolgbeteiligung honoriert wurden. Knapp ein Drittel wies jährlich 4 bis 6 Monate auf, die nicht durch Projekte abgedeckt wurden. Die Zahl der Gast-, Teil- und befristeten Verträge an Theatern nimmt zu. Gut ein Drittel hatte kein festes Arbeitsverhältnis.

31,6 Prozent übten eine nichtkünstlerische Nebentätigkeit aus, 71,5 Prozent arbeiteten noch als Pädagog_innen. Trotz einer 40 bis 60 Stunden Woche hatten 42, 1 Prozent ein Jahreseinkommen von weniger als 10.000 Euro, das von 29,1 Prozent durch Nebeneinnahmen mitfinanziert wurde. Die Nebentätigkeiten machten bei 36, 7 Prozent mehr als 70 Prozent des Einkommens aus. Die Bewertung der eigenen Lage lag bei den meisten zwiespältig bis schlecht. Die meisten wünschten sich eine Partizipation in  der Sozialversicherung und den Ausbau der Künstlersozialkasse (KSK). Von 88 Prozent der gesetzlich Versicherten waren 44,5 Prozent in der KSK, 46,1 Prozent hatten keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld 1, 10 Prozent haben ihren Anspruch durch die Verkürzung der Rahmenfrist verloren, 19 Prozent mussten in den letzten drei Jahren aufgrund fehlenden Einkommens mehrmals Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Knapp 14 Prozent der Arbeitslosengeld II Bezieher_innen wurde der berufliche Wiedereinstieg durch die Jobcenter erschwert. Die Mehrheit beurteilte die Regulierung der Kunstausübung durch den Markt ablehnend und betont die Freiheit der Kunst. Die schwierigen Arbeitsbedingungen nahmen bei der Frage, was zuerst auf die kulturpolitische Agenda gehört, den ersten Platz ein. Es wurde klar, egal, ob freischaffend, fest oder am Privattheater tätig, dass  hier ein echter Notstand herrscht und grundsätzliche und grundrechtliche Rahmenbedingungen durch die Politik dringend erforderlich sind.

Angemessene Honorare, eine Arbeitslosenversicherung und eine Rente deutlich über der Grundsicherung, die einem harten und engagierten Arbeitsleben entspricht, sowie eine grundsätzliche Versicherungsmöglichkeit in der Künstlersozialkasse sind für die Kunst- und Kulturarbeiter ein existenzielles Grundbedürfnis. Die Theaterschaffenden vermissen kompetente und nachhaltige Entscheidungen in aller Politikebenen, die dem entsprechen, was die Politik immer wieder verkündet: Kultur und Bildung sind die wesentlichen Grundlagen einer Gesellschaft.

Die meisten sind kein Mitglied in einem Berufsverband oder einer Gewerkschaft.
Malah Helman

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