Warten auf Godot- wann reagiert die Politik auf die angespannte Situation der freien Tanz und Theaterschaffenden?
Honoraruntergrenzen, Sozialstandards und mehr Geld für Kultur gefordert.
Mit „Schlecht“, beschreibt Monica Gomis, eine spanische Choreographin und Tänzerin aus München, die finanzielle Situation der freien Tanz- und Theaterschaffenden. Sie hat sich gerade die Sehne gezerrt, bekommt aber kein Krankengeld, weil sie keine Zusatzversicherung über ein vorgezogenes Krankengeld abgeschlossen hat. Eine steigende Zahl der Kulturschaffenden ist unzureichend abgesichert, da die „neuen“ Erwerbsbiographien aus dem Sozialversicherungssystem ausgeschlossen sind. Seit Einführung der Künstlersozialkasse, 1983, gibt es hier keine weiteren Ansätze, obwohl das Europäische Parlament die Mitgliedsstaaten aufforderte, die Lage der Künstler_innen zu verbessern. Eine Anpassung der Gesetze ist dringlich erforderlich, so dass Fazit des diesjährigen Symposiums der freien Theaterschaffenden. Sie fordern außerdem eine angemessene Rente und eine Versicherung in der Arbeitslosenversicherung für Phasen der Erwerbslosigkeit, wie es in Frankreich und Skandinavien für Künstler und Selbstständige durchaus möglich ist.
Hinzu kommt die schwierige finanzielle Lage. „Trotz bester Ausbildung, besten Kritiken und langjähriger Bühnenerfahrung ist es mir und vielen meiner Kollegen nicht mehr möglich den Lebensunterhalt ohne Unterstützung seitens der ARGE zu bestreiten. Die Honorare sind zu gering„, kommentierte eine Schauspielerin ihre Situation in der Studie des Fonds Darstellende Künste zur wirtschaftlichen, sozialen und arbeitsrechtlichen Lage der Theater- und Tanzschaffenden. Die Ausbildung bereitet kaum auf die komplexen Arbeitsbedingungen vor, die ein fundiertes Wissen über Sozialrecht, Projektentwicklung, Finanzierung, Förderanträge, Verträge und Vermarktung voraussetzen.
„Die Förderungen decken die Vorbereitung nicht ab und es gibt kaum Artist-in-Residenz-Programme, wo Stücke entwickelt werden können“, sagt Monica Gomis. Als künstlerisch schwierig empfindet sie die abnehmende Bereitschaft zum Experimentellen. „Deutschland hat sich in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Kulturförderung eher rückläufig entwickelt.“ Insbesondere unbekannte Künstler_innen und kleine Gruppen treffen die regionalen und lokalen Einsparungen. Die freien Spielstätten erhalten lediglich Zuschüsse zum Betrieb, alle künstlerischen Projekte sind über Anträge auf Projektmittel zu finanzieren. „Es gibt zu wenige Häuser, in denen man sich mit künstlerisch anspruchsvollen Vorhaben präsentieren kann. Es gibt nur zwei Maßnahmen, die Abhilfe schaffen: Etats an Häusern und Projektmittel für Gruppen stärken“, sagt Martin Heering, Leiter der Leipziger Off-Theaters LOFFT.
Die Hürden für eine Förderung sind hoch. „Von 10 gestellten Anträgen wird einer gefördert“, meint Monica Gomis. Die meisten gehen leer aus, trotz mühsamer Antragstellung und Vorarbeit. Häufig muss man schon einmal gefördert worden sein, über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügen, eine Drittmittelfinanzierung vorlegen und nicht alle Förderungen sind kombinierbar. Die produzierten Stücke haben oft wenig Chance zu touren, denn dafür braucht es weitere Förderungen. Dabei wäre es durchaus sinnvoll, wenn es in strukturschwachen Regionen mehr Gastspiele gäbe. Noch komplizierter wird es, wenn man international arbeitet, sagt Monica Gomis. Es ist ein regelrechtes Kunststück, die unterschiedlichen Steuerbestimmungen zu berücksichtigen und aus den knappen Etats zu finanzieren. Koordination, Vereinheitlichung der Förderbestimmungen und mehr Geld für Kultur sind, neben Sozialstandards und Honoraruntergrenzen, weitere dringende Handlungsempfehlungen der freien Theaterschaffenden.
Martin Heering, auch Mitglied der Initiative „Leipzig + Kultur“, verweist darauf, dass Etat für die Freie Szene in Leipzig zuletzt um 26 Prozent sank, bei einem doppelt hohen Antragsvolumen, und obwohl der Gesamthaushalt Kultur um 8 Prozent anstiegen war. Mit der Kampagne „Fünf für Leipzig“ ist es der Initiative 2007 gelungen, die Politik zu bewegen, die Mittel für die freie Szene schrittweise bis 2013 auf 5 Prozent anzuheben. Auch in Berlin ist der Kampf um eine Erhöhung der Gelder und um Honoraruntergrenzen für aus dem Kulturetat geförderte Produktionen und Produktionsstätten in Theater und Kino ausgebrochen. „Berlin profitiert weltweit von den vielen tollen Künstlern, behandelt uns aber wenn es um Arbeitsbedingungen geht wie den letzten Dreck.“, schrieb eine Regisseurin in das Kommentarfeld des Fragebogens zur Studie. Laut des aktuellen Berliner Kulturwirtschaftsberichts verdoppelt sich jeder in die Kultur investierte Euro. Das Zukunftspotential von Kultur, Bildung und Wissenschaft wird trotzdem verkannt. „In Leipzig können von der Kommune im Konjunkturpaket II beschlossene Maßnahmen in kultureller Infrastruktur (von der Notsicherung bis zur energetischen Sanierung) nicht durchgeführt werden, weil der Freistaat Sachsen, ohnehin kein Hort nicht-staatlicher Kultur, diese als nicht Programmkonform abgelehnt hat. Hier zeigt sich, dass die Verwaltung nicht auf jeder Ebene begriffen hat, was das gesellschaftlich nachhaltige Auftrag eines Konjunkturprogramms ist“, sagt Martin Heering.
Was passiert nach der Bundestagswahl? Die Künstler_innen befürchten, dass sie die ersten sind, die für das Rettungspaket der „systemrelevanten“ Banken und Konzerne bezahlen werden.
Malah Helman
Der Artikel erschien in leicht veränderter Form in der KUNST & Kultur 3/09
Dokumentation des Symposiums, www.iti-germany.de
Handlungsempfehlungen und kulturpolitische Forderungen für die Freien Tanz- und Theaterschaffenden in Deutschland, www.kupoge.de/pdf/kumi125/kumi125_34-36.pdf
Die Publikation der Gesamtstudie, der Diskussionsprozesse des Symposiums und weiterer aktueller Texte wird voraussichtlich bis November 2009 als Buch vorliegen.
Unterschriftenaktion zur Erhöhung des Berliner Förderetats und Honoraruntergrenzen, www.tanzraumberlin.de/index.php?article_id=257
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