Wer braucht heutzutage noch Kunst?-
Wo es doch Flachbildschirme gibt! Das ist die etwas höhnische Quintessenz des Spiegel-Autors Olaf Sundermeyer. In seinem Artikel beschreibt er die Künstlerproteste im Ruhrgebiet zu den drohenden Kürzungen der Gelder in Kunst und Kultur. Ein Szenario das lokal und regional sich noch öfter abspielen wird. Laut Sundermeyer protestiert ein Häufchen Kunstschaffender hingegen die Massen in den nächsten Konsumtempel strömen, um Flachbildschirme kaufen. Kunst ist offensichtlich ein Auslaufsmodell. Man sollte Sundermeyer unbedingt daraufhin weisen, dass auch Journalisten niemand mehr braucht, wo es doch PR-Schreiber gibt, die die im Kapitalismus systemrelevante Aufgabe das Publikum zum Kauf und nicht zum Nachdenken animieren, doch weitaus effizienter erfüllen.
Wozu wird Kunst eigentlich gebraucht? Ich persönlich finde die evolutionäre Begründung, kreative Menschen sind attraktiver auch weil sie soweit im Überfluss leben, dass sie ihrer Muße nachgehen können, nicht unbedingt zutreffend. Für mich geht es als Kunstschaffende um Erfassen, Darstellung und Auseinandersetzung. Das und auch der soziale Aspekt, Kunst bringt Menschen zusammen, sind wesentliche Merkmale der Kunst, historisch gesehen, seit den ersten uns bekannten überlieferten Fundstücken. Daneben bringen aktuelle Untersuchungen in der Neurologie den Stimulationsfaktor in den Vordergrund. Klang, Farben, Symbole, Erzählungen etc. aktivieren bestimmte Gehirnregionen und anderem die im Stammhirn beheimateten Ur-Emotionen. Körper, Geist und Seele kommen ins Schwingen. Freud spricht von Libido.
Was ist eigentlich Kunst/Kultur? Kunst und Kultur sind sicherlich vielfältige Prozesse. Kunst steht jedenfalls nicht konträr zum Flachbildschirm, kann sie doch auf diesen stattfinden. Die Frage stellt sich nicht so sehr anhand der Verpackung, sondern am Inhalt. Und hier unterscheidet sich der Inhalt vom „content. Content ist inhaltslos, er wird gebraucht, um die Verpackung zu füllen. So kann gesagt werden, dass beispielsweise Fernsehformate in vielen Fällen nur noch gebraucht werden, um die Werbepausen zu füllen. Inhalte produzieren, Inhalte verstehen, sich für Inhalte interessieren, setzt natürlich Fähigkeit und Befähigung voraus. Hier kommen wir direkt zum nächsten Stiefkind der Gesellschaft, der Bildung. Man braucht kein Aufklärer zu sein, um zu sehen, dass die Möglichkeit zur Bildung unabhängiges Denken fördert. Manipulation und Indoktrination hingegen befördern totalitäre Gesellschaftssysteme. Man braucht kein Kulturpessimist zu sein, um diese Tendenzen im Hier und Jetzt erkennen zu können. Kultur und Bildung sind daher essentielle Bestandteile einer sich fortentwickelnden menschlichen Gesellschaft. Den Zusammenhang zwischen Kultur, Bildung und Demokratie beleuchtet ein Artikel in der FR. Auch in Berlin prangt derzeit die Kampagne de Handwerkskammern, wo über einem Steinzeitmann die Frage steht: “Natürlich geht es auch ohne Handwerk. Hat ja früher auch geklappt.” Vielleicht wäre dann das Interesse bei der Politik größer zu reagieren, wenn die Kunstschaffenden eine ähnliche Kampagne starten, vielleicht mit einem Adolf Hitler und dem abgewandelten Spruch “Natürlich geht es auch ohne Kunst und Kultur. Hat ja früher auch geklappt.”
Malah Helman
geschrieben von admin • Permalink • Kommentar hinterlassen »